September 17, 2014

Sechs Gedichte über das Leben in den Bergen Hsu-yun

Übersetzt von Wu-Pieh-an (Wolfgang Waas)

1.
In meinem Geist ist das Bild eines reinen und stillen Ortes:
Wo immer du hinsiehst ist nur Natur.
Die Wände sind aus geflochtenen Binsen,
Ein halber Hektar, um Wurzeln und Blumen zu pflanzen.
Glänzende Vögel lassen sich nieder auf Felsenklippen,
Die ein paar Wolken einrahmen rund um grüne Berge.
Der rote Staub der Welt kommt nicht so hoch herauf -
Einfache Eleganz ist besser als Heiligkeit und Spiritualität.

2.
Kann man Freude finden in den Bergen? Ich will's dir sagen -
es gibt mehr Freude in den Bergen als irgendwo sonst.
Kiefern und Bambus rezitieren heilige Lieder,
Vögel zwitschern die Melodien der Sheng-Flöten.
In den Bäumen haschen Affen nach Früchten,
In den Teichen spielen Enten mit Lotosblüten.
So der gewöhnlichen Welt zu entkommen,
Monat um Monat und Jahr um Jahr,
lässt alle Hindernisse von Erleuchtung schwinden.

3.
Versuche nicht groß zu erscheinen in den Höfen des Ruhms -
In den Bergen schwinden solche Träume dahin.
Dein Leib steht von selbst, ist er einmal auf Wolkenhöhe,
Dein Herz zieht sich zurück von weltlichen Anhaftungen.
Der Mond, den ich liebe, zeigt einen Pfad durch die Kiefern
Und weist einem Bach den Weg durch das Bambustor.
Ja - natürlich ist das nichts weniger als wunderbar -
wie könntest du es jemals missachten,
oder auch nur dieses Bildes müde werden?

4.
In den Bergen gibt es doch nichts, das verbieten würde,
Beim Mittagsschläfchen zu träumen von einer Schüssel Hirsebrei.
Wenn du von Natur aus faul bist, wirst du nicht über Problemen brüten,
Aber den Leib leicht nehmen und die Kälte nicht fürchten.
Chrysanthemen blühen an den drei alten Wegen,
Ein paar Pflaumenbäume lassen den ganzen Garten duften.
Begegnungen sind segensreich kurz,
Muße ist segensreich lang.

5.
Wache nur auf vom Mittagsschlaf in der Grashütte,
Nimm einen Wanderstock und lass' ihn frei und leicht schwingen.
Lehne an einem Felsen und betrachte das Steigen der Wolken,
Horch auf die jungen Kiefern und höre auf das Lied der Wellen.
Wo der Wald dicht ist, kommen keine Gäste vorbei,
Wenn die Wege gefährlich sind, holt man auf ihnen nur Feuerholz.
Der Ort ist so unberührt und kühl - wie könnte er verfehlen
den Glutofen der Kümmernisse meines Geistes zu löschen?

6.
Die Menschen beschweren sich über das harte Leben in den Bergen.
Ich denke es ist nicht so verschieden von Schwierigkeiten anderswo.
In einem Ofen aus Lehm brennen Birkenzweige,
In einem steinernen Kessel brodeln wilde Kräuter.
Es scheint du hast nur eben die Chrysanthemen gepflückt,
Die in den drei Herbstmonaten wachsen,
Als es Zeit war die Märzblumen anzusehen.
Hab lieber Mitleid mit dem Mond, der Nacht um Nacht
Gezwungen ist die Gesellschaft zu unterhalten...